Der Stoffwechsel der vormodernen Stadt – Umweltgeschichte im urbanen Raum

Der Stoffwechsel der vormodernen Stadt – Umweltgeschichte im urbanen Raum

Organisatoren
Institut für vergleichende Städtegeschichte / Kuratorium für vergleichende Städtegeschichte e.V.; Carla Meyer-Schlenkrich / Gabriel Zeilinger, Münster
Ort
Münster
Land
Deutschland
Fand statt
In Präsenz
Vom - Bis
20.03.2023 - 21.03.2023
Von
Christoph Burdich, Historisches Seminar, Westfälische Wilhelms-Universität Münster

Die Idee, die Beziehung von Stadt und Umwelt mit der Metapher des urbanen „Stoffwechsels“ zu umschreiben, ist keineswegs neu.1 Ausgeforscht ist die Umweltgeschichte der vormodernen Stadt aber mitnichten, wie das diesjährige, 48. Frühjahrskolloquium des Instituts für vergleichende Städtegeschichte eindrücklich unter Beweis stellte.

Welch große Relevanz das Thema „Der Stoffwechsel der vormodernen Stadt“ angesichts der gegenwärtigen Herausforderungen des Klimawandels, daraus resultierender Naturkatastrophen, andauernder Umweltzerstörung und schwindender Ressourcen sowie der voranschreitenden Verstädterung besitzt, hoben die Einführungen von CARLA MEYER-SCHLENKRICH (Münster) und GABRIEL ZEILINGER (Erlangen-Nürnberg) hervor. Meyer-Schlenkrich wies darauf hin, dass dem Wissen um die Vergangenheit in der krisenhaften Gegenwart eine besondere gesellschaftliche Bedeutung zukommen könne. So seien die Geistes- und Kulturwissenschaften gefordert, die Akzeptanz notwendiger „Eingriffe in unsere gewohnte Umgebung“ zu fördern. Als Beitrag hierzu sieht Meyer-Schlenkrich die Erforschung des Verhältnisses zwischen Mensch und Umwelt in der Vormoderne. Vor diesem Hintergrund sei es geradezu verblüffend, dass der urbane Raum, der sich unaufhaltsam weiter ausdehnt, in der umwelthistorischen Forschung vielfach wie ein Nicht-Naturraum behandelt werde. Zeilinger zeigte auf, inwiefern die Thematik des Stoffwechsels in der vormodernen Stadt an die Forschung der letzten Jahrzehnte zum Verhältnis von Stadt und Umwelt anknüpft. Er arbeitete insbesondere heraus, auf welche Traditionen das Modell des urbanen Metabolismus rekurriert. Eine umfassende Betrachtung der vormodernen Stadt aus umweltgeschichtlicher Perspektive stelle jedoch, wie Zeilinger betonte, ein Desiderat dar.

Mehrere Vorträge der Tagung widmeten sich der Frage, welche Auswirkungen einschneidende Naturereignisse für mittelalterliche und frühneuzeitliche Städte hatten. MARTIN BAUCH (Leipzig) zeigte auf, wie im Falle der Crete Senesi genannten Landschaft die unvorhergesehene Entstehung von badlands großen Einfluss auf politische, ökonomische und ordensgeschichtliche Entwicklungen ausübte. In seinem Vortrag vertrat Bauch die These, dass die plötzlich eingetretene Verödung durch eine gravierende Erosion infolge von Starkregen im Umland von Siena in der ohnehin aufgewühlten Situation des Jahres 1318 einen letztlich erfolglosen Aufstand in der Stadt evozierte. Wie Bauch darlegte, gab in der Folgezeit ein Unternehmer aus der mächtigen Familie der Tolomei, die mit dem gescheiterten Umsturzversuch in Verbindung gebracht wurde, sein Bankgeschäft zugunsten großflächigen Grundbesitzes in den Crete Senesi auf. Dieser umfangreiche Landbesitz sicherte langfristig den Fortbestand des Klosters Monte Oliveto Maggiore, das ein anderes Mitglied der Familie Tolomei wenige Jahre zuvor im Gebiet der späteren badlands gegründet hatte und in das der ehemalige Bankier und Großgrundbesitzer schließlich eintrat. Bauchs Analyse und die anschließende Diskussion verdeutlichten, was für ein komplexes Geflecht an Folgen durch Naturkatastrophen, wie eine massive Erosion, angestoßen werden konnte. Welche konkreten Beweggründe im Kontext des Umweltereignisses ausschlaggebend für menschliches Handeln waren, ist freilich im Einzelfall nicht immer rekonstruierbar.

Während individuelle Entscheidungen nach wetterbedingten Krisensituationen erklärungsbedürftig bleiben, sind in der zeitgenössischen Wahrnehmung naturaler Widrigkeiten und der durch diese hervorgerufenen Verhaltensweisen durchaus kollektive Handlungsmuster erkennbar. Dies führte der Beitrag von JOANA VAN DE LOECHT (Münster) über die literarische Darstellung von Extremwintern und Reaktionen, die diese in frühneuzeitlichen Städten bewirkten, vor Augen. In ihrem literaturwissenschaftlichen Forschungsprojekt beleuchtet van de Loecht sowohl fiktionale als auch faktuale Texte des 17. Jahrhunderts. In ihrem Vortrag konzentrierte sich van de Loecht auf zwei Wintergedichte in Reimform, wobei die Analyse signifikante Unterschiede hervortreten ließ. Während die Winterschilderung in Hans Sachs’ „Krieg mit dem Winter“ von allgemein bekannten Vorstellungen geprägt sei, spiegelten sich aus Sicht van de Loechts in Barnabas Holzmanns Dichtung über die Auswirkungen eines Extremwinters persönliche Erfahrungen des Autors aus einer der Hochphasen der „Kleinen Eiszeit“ wider.

Im Zentrum des Abendvortrags von GERRIT SCHENK (Darmstadt) stand Nimrods Turm aus dem Buch Genesis, der nicht nur, spätantik-mittelalterlichen Interpretationen folgend, als mehrdeutiges Symbol für fehlgeleitetes menschliches Perfektionsstreben und sündhafte Hoffart aufzufassen sei. Nimrods Turm könne, so zeigte Schenks Analyse, auch als Bild für den mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Städtebau gedeutet werden, der gleichsam die „zweite Natur“ des Menschen erschaffen habe. Diese zweite, urbane Natur habe einerseits Schutz geboten, sei aber andererseits weiterhin natürlichen Gefährdungen ausgesetzt gewesen. Naturkatastrophen konnten als Strafe Gottes verstanden werden, sie spornten zugleich jedoch, wie Schenk bekräftigte, zu neuen Präventivmaßnahmen und technischem Fortschritt an. Für die historische Forschung ergibt sich daraus Schenk zufolge unter anderem das Erfordernis, die lange Vorgeschichte zu rekonstruieren, die den einzelnen Katastrophenereignissen in der Vormoderne jeweils vorausgegangen sei.

Einen Schwerpunkt der Tagung bildete die Frage, auf welche Weise obrigkeitliche Akteure die Folgen widriger Umweltbedingungen zu bewältigen versuchten. MAXIMILIAN SCHUH (Duisburg-Essen) überprüfte, wie Herrscher in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts auf Nahrungsmittelknappheit oder Überschwemmungsschäden reagierten, die als Folge sogenannter ‘Little Ice Age’-type events Städte wie London oder Avignon beeinträchtigten. Schuh zeigte auf, dass sich die englischen Könige angesichts des Getreidemangels zu einem Bündel an Maßnahmen entschlossen (Festsetzung von Höchstpreisen; Verbot, Getreide für andere Zwecke als die Ernährung zu nutzen; freies Geleit für Getreidetransporte sowie Ausfuhrverbote; Gebot, gehortete Getreidevorräte zu verbrauchen). Im Fall von Avignon verwies Schuh darauf, dass die Päpste als Stadtherren Arme durch ihr Almosenwesen unterstützten und einen Beitrag zur Reparatur der Rhone-Brücken leisteten, die durch Überschwemmungen beschädigt worden waren. Da sich jedoch kein langfristiges, nachhaltiges Engagement für die Instandhaltung der Brücken beobachten lasse, sei dieser Bereich als potentielle Bühne für die Inszenierung päpstlicher Fürsorge ungenutzt geblieben.

ANNETTE KEHNEL (Mannheim) deutete kommunale Maßnahmen wie die Einführung einer Preisbindung, Beschlagnahmungen von Getreide und die Androhung drastischer Sanktionen „bis hin zur Folter“ gegen Krisenprofiteure, sogenannte avari, als probate Mittel zur Überwindung der Getreideknappheit im Florenz des Jahres 1329. Durch das erfolgreiche Florentiner Krisenmanagement sei die Zirkulation des städtischen „Stoffwechsels“ aufrechterhalten worden. Zudem skizzierte Kehnel im theoretischen Teil ihres Vortrags, wie sich die Metapher des Stoffwechsels für die Analyse des Spannungsfeldes zwischen sozialer, ökonomischer und ökologischer Nachhaltigkeit fruchtbar machen lasse.

Impulse für zukünftige Forschung bot die Tagung unter anderem durch die Präsentation neuer Modelle, die zu weiterführenden Diskussionen anregen dürften. Anhand der Beispiele Braunschweig, Utrecht und Würzburg entwickelte ANSGAR SCHANBACHER (Göttingen) ein mehrstufiges Modell zur Differenzierung naturaler Faktoren „unterhalb der Katastrophe“, die in Abgrenzung zum „Normalzustand“ in europäischen Städten der frühen Neuzeit auf Menschen einwirkten. Nach Schanbacher lassen sich als negativ empfundene naturale Einflüsse aufsteigend und mit fließenden Übergängen in die vier Stufen der Störungen, Widrigkeiten, Schadensereignisse und Naturkatastrophen einteilen.

RAINER SCHREG (Bamberg) entwickelte in seinem Beitrag mehrere Modelle, die dazu dienen, die vielfältigen Beziehungen zwischen Stadt und Land als Zyklus oder gar als ökologischen Stoffwechsel zu analysieren. Schregs umweltarchäologische Ausführungen zu vier Beispielen zwischen Spätantike und früher Neuzeit, nämlich zu Iustiniana Prima (heute Caričin Grad), zum Ulmer Umland, zu Bamberger Töpferdörfern und zum außereuropäischen Fall Panamá la Vieja, zeigten, dass Modelle der wechselseitigen Beeinflussung von vormoderner Stadt und umliegender Landschaft gänzlich verschiedene historische Räume berücksichtigen müssen.

Des Weiteren ist bei der umweltgeschichtlichen Erforschung vormoderner Städte verstärkt die soziale Dimension der Beziehungen zwischen Mensch und Natur in den Blick zu nehmen, wie mehrere Beiträge verdeutlichten. CHRISTINA SPITZBART-GLASL (Wien) präsentierte ihre auf dem Mühlenbuch von 1661 basierenden und auf Geoinformationssysteme gestützten Studien zu den Wiener Wassermühlen im 17. und 18. Jahrhundert, die sowohl Schiffsmühlen auf den verschiedenen Donauarmen als auch Mühlen an Zuflüssen der Donau umfassten. Wie Spitzbart-Glasl darlegte, stellten neben der natürlichen Dynamik der Flusslandschaften vor allem das Ziel der Stadtverteidigung und der Bau von Schloss Schönbrunn die systematische Nutzung der Wasserkraft vor große Herausforderungen. Speziell am Beispiel des Wienflusses zeigte ihr Beitrag auf, wie aus dem vorgefundenen Gewässer, dem neben diesem verlaufenden, künstlich angelegten Mühlbach und den dortigen Mühlen ein komplexes fluviales System geschaffen wurde. Derartige Mühlenlandschaften identifizierte Spitzbart-Glasl als Schauplätze des Konflikts, der Aushandlung und der Kooperation verschiedener Akteursgruppen.

Der Vortrag von ELISABETH GRUBER (Krems/Salzburg) beleuchtete aus stoffgeschichtlicher Perspektive, welche Rolle dem Material Leder in Praktiken der Produktion, Weiterverarbeitung und Entsorgung bei der sozialen, ökonomischen und räumlichen Ausdifferenzierung verschiedener Berufsgruppen und der städtischen Gesellschaft im spätmittelalterlichen Wien zukam. Gruber berücksichtigte dabei sowohl rezente archäologische Funde als auch im Wiener Handwerksordnungsbuch überlieferte normative Setzungen, die sie als Resultat von Konflikten und Aushandlungsprozessen um den Stoff Leder interpretierte.

EVELIEN TIMPENER (Gießen) untersuchte anhand der hoch- und spätmittelalterlichen Nutzung städtischer und suburbaner Auenlandschaften an Lahn und Fulda, in welchem Verhältnis Mensch und fluviale Umwelt in einer Epoche ohne Umweltbewusstsein zueinanderstanden. Angesichts der Gefahr von Anachronismen und der Herausforderungen einer umweltgeschichtlichen Betrachtung des Mittelalters unterstrich Timpener die Bedeutung eines Forschungsansatzes, der geologische und archäologische Erkenntnisse, ressourcen- und wirtschaftsgeschichtliche Aspekte, Rechtsquellen und Stadttopographien sowie historisch verbreitete naturphilosophische Denkmodelle der Vormoderne integriert.

Dass die Tagung nur den Auftakt zu weiterer Forschungsarbeit über die umweltgeschichtliche Vergangenheit vormoderner Städte bilden kann, führten das Resümee von CHRISTIAN ROHR (Bern) und die Abschlussdiskussion deutlich vor Augen. Rohr fasste zentrale Ergebnisse der Tagung und themenübergreifende Schwerpunkte zusammen, verwies auf vielversprechende Forschungstrends und auf Potential für zukünftige Untersuchungen, benannte aber auch Probleme der umwelthistorischen Erforschung urbaner Räume und Leerstellen. So forderte Rohr eine stärkere Berücksichtigung von Aspekten wie Gender und tierischen Akteuren, darüber hinaus aber auch die kombinierte Nutzung verschiedener Typen von schriftlichen Quellen, von bildlichen Darstellungen und Karten sowie von geo-, öko- und archäologischen Erkenntnissen. Neben interdisziplinären Zugängen befürwortete Rohr die Untersuchung langfristiger Veränderungen und die Betrachtung des Zusammenspiels von regionalen Stadt-Umland-Beziehungen und überregionalen Netzwerken. Schließlich diagnostizierte Rohr die Notwendigkeit, die Schlüsselkonzepte des Metabolismus und der Stoffströme begrifflich zu schärfen, und plädierte dafür, in umwelthistorischen Projekten gezielt nach vormodernen Resilienz- und Nachhaltigkeitsstrategien zu suchen.

Angesichts der vielseitigen und vielversprechenden Forschungsimpulse der Tagung ist zu hoffen, dass die Beiträge des Frühjahrskolloquiums, die in der Reihe „Städteforschungen“ publiziert werden, möglichst bald weitere umweltgeschichtliche Untersuchungen zu vormodernen Städten anregen werden. Reizvoll wäre es beispielsweise, den Fokus der Tagung, der fast ausnahmslos auf dem mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Alteuropa lag, in diachroner und synchroner Perspektive auf antike und außereuropäische Städte auszuweiten. Die Debatte aber, inwiefern der „Stoffwechsel“ als Modell für die vormoderne Stadt taugt oder nur eine griffige und inspirierende Metapher darstellt, wird auch in absehbarer Zeit nicht zum Stillstand kommen. In jedem Fall hat die Tagung gezeigt, dass die umweltgeschichtliche Betrachtung urbaner Räume in der Vormoderne genügend Stoff für weitere Forschung bietet.

Konferenzübersicht:

Ulrike Ludwig (Münster): Begrüßung

Carla Meyer-Schlenkrich (Münster) / Gabriel Zeilinger (Erlangen-Nürnberg)

Sektion I: Klima, (Un-)Wetter und Katastrophen im urbanen Raum der Vormoderne
Moderation: Christopher Folkens (Münster) / Julia Schmidt-Funke (Leipzig)

Martin Bauch (Leipzig): Siena und die Badlands. Religiöse, politische und ökonomische Konsequenzen der „Großen Erosion“ von 1318

Maximilian Schuh (Duisburg-Essen): Extremwetter, Stadt und Herrschaft. Perspektiven auf London und Avignon im 14. Jahrhundert

Joana van de Loecht (Münster): „Der Krieg mit dem Winter“. Literarische Schilderungen von extremer Kälte und ihren Folgen für die Stadtbevölkerung

Annette Kehnel (Mannheim): Ressourcenmanagement in Krisenzeiten. Zum Beispiel Getreideversorgung

Mitgliederversammlung des Kuratoriums für vergleichende Städtegeschichte e.V.

Öffentlicher Vortrag:
Gerrit Schenk (Darmstadt): Nimrods Turm. Katastrophen und die zweite Natur der Stadt

Sektion II: Energie, Versorgung, Entsorgung, Infrastrukturen in der vormodernen Stadt
Moderation: Angelika Lampen (Münster) / Arnd Reitemeier (Göttingen)

Ansgar Schanbacher (Göttingen): Die naturale Umwelt als Störung und Ärgernis. Vormoderne Stadtgeschichte jenseits der Naturkatastrophe

Ulrich Müller (Kiel): Der urbane Stoffwechsel und seine Störungen. Ein Ansatz für die Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit?2

Elisabeth Gruber (Krems/Salzburg): Stoff macht Stadt. Ein materialgeschichtlicher Zugang zu vormodernen Städten am Beispiel von Leder

Rainer Schreg (Bamberg): Bauern und Handwerker im Umfeld der Stadt. Wirtschaftliche, soziale und ökologische Stadt-Land-Beziehungen aus der Perspektive der Umweltarchäologie

Evelien Timpener (Gießen): Die Niederungen des Alltags? Urbane Ausbreitung und industrielle Nutzung in den Auen der Lahn und Fulda (12.–16. Jahrhundert)

Christina Spitzbart-Glasl (Wien): Wassermühlen in Wien. Sozionaturale Schauplätze der mechanischen Wasserkraftnutzung im Kontext städtischer Ressourcennutzung

Christian Rohr (Bern): Zum Schluss. Die vormoderne Stadt als Sujet der Umweltgeschichte

Anmerkungen:
1 Dies bekräftigte auch das Tagungsprogramm unter Verweis auf https://wiki.edu.vn/wiki25/2021/06/27/stadtischer-stoffwechsel-wikipedia/ (11.04.2023).
2 Der Vortrag von Ulrich Müller musste krankheitsbedingt leider entfallen.

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